Ästhetische Bildung
In Zeiten voller Krisen und Unsicherheit wird der Blick auf Bildung und besonders Weiterbildung häufig verengt. Gefragt wird dann primär nach dem unmittelbaren Nutzen für Wirtschaft und Arbeit. Dabei ist nachweisbar, dass allgemeine und kulturelle Bildung gerade in schwierigen Zeiten einen wichtigen Beitrag leisten, um den vielfältigen individuellen Wissens-, Kompetenz- und Reflexionsanforderungen zu begegnen und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. Ästhetische Erfahrungen, die in der sinnlichen Auseinandersetzung und Beschäftigung mit Kunst und Kultur gemacht werden, können Räume der Begegnung und Reflexion schaffen und vielfältige Zugänge zur Welt ermöglichen. Dadurch leistet ästhetische Bildung einen wesentlichen Beitrag dazu, die Kompetenzen Erwachsener im Hinblick auf gesellschaftliche und persönliche Entwicklungen zu stärken.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich diese Ausgabe der EP mit dem Potenzial ästhetischer Bildung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Wechselwirkungen zwischen ästhetischer Bildung und anderen Lebensbereichen, etwa beruflicher Entwicklung, Demokratie oder ethischer Orientierung. Als roter Faden führen diese Fragen durchs Heft: Welche Erkenntnismöglichkeiten eröffnet die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur? Was kann ästhetische Bildung individuell und gesellschaftlich zum Verständnis und zur Gestaltung der Gegenwart beitragen?
Zur Einführung in diese EP zeigt Iris Laner auf, wie sich Begriffe und Vorstellungen ästhetischer Bildung historisch in unterschiedlichen Disziplinen entwickelt haben. Wie die Autorin veranschaulicht, bewegt sich die ästhetische Bildung, wie wir sie heute kennen, seit ihren Anfängen zwischen sinnlicher Reflexion, Urteilsfähigkeit und Imaginationskraft. Einen grossen Bogen schlagen auch Alain Kerlan und Samia Langer in ihrem Plädoyer für die Wiederentdeckung von humanistisch orientierten Ansätzen der ästhetischen Bildung, die – wie die Autoren mit Blick auf Frankreich darlegen – in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus dem Blick geraten sind.
Steffi Robak legt ihr Augenmerk auf die Zugänge und die Ausdifferenzierung kultureller Erwachsenenbildung und geht der Frage nach, warum das Interesse an ästhetischen Bildungsprozessen aktuell (wieder) zunimmt. Bei Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss stehen die individuellen und gesellschaftlichen Potenziale des Ästhetischen im Zentrum. Sie beleuchtet die Möglichkeiten kultureller Bildung für eine erfahrungsbasierte Demokratiebildung anhand eines aktuellen Forschungsprojektes. Friedrich Schollmeyer beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Ethik und Ästhetik und insbesondere mit deren Vermittlungspotenzialen.
Im Praxisteil legen wir den Fokus auf ausgewählte Bereiche ästhetischer Bildung. Barbara Balba Weber zeigt anhand eines Community-Music-Projektes, wie Musikvermittlung gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe fördern kann. Silvan Diener gibt Einblick in die Praxis des interaktiven Theaters als immersiven Erfahrungsraum im Arbeitskontext, wobei Themen wie Führung, Verantwortung oder Zusammenarbeit aufgegriffen werden. Dagmar Frick-Islitzer präsentiert einen Ansatz der Kulturvermittlung, bei dem künstlerische Herangehensweisen genutzt werden, um in unterschiedlichsten Feldern ausserhalb der Kunst Reflexionen anzuregen und neue Perspektiven zu eröffnen. Einen kritischen Blick auf den Umgang mit ästhetischer Erfahrung wirft der Filmwissenschaftler Till Brockmann. Er zeigt anhand konkreter Beispiele, wie wichtig Medienkompetenz und insbesondere ästhetische Kompetenz ist – gerade beim Film, der mit seiner scheinbaren Nähe zur Wirklichkeit dazu verleitet, inszenierte Darstellungen für ein Abbild der Wirklichkeit zu halten. Der Literaturwissenschaftler und Musiker Thomas Strässle gibt im Interview Antworten auf die Frage, was man aus der Literatur erfahren kann und inwiefern sie dabei hilft, die Welt zu verstehen und mitzugestalten.
Die Redaktion wünscht Ihnen eine anregende Lektüre und genügend Zeit für eigene ästhetische Erfahrungen.