Kunst eröffnet Perspektiven, die uns im Alltag verborgen bleiben
Dagmar Frick-Islitzer ist Künstlerin, Kulturunternehmerin, Kunstvermittlerin und Autorin und befasst sich seit vielen Jahren mit künstlerischen Denk- und Arbeitsweisen. In diesem Gespräch erläutert sie, welche Möglichkeiten die Auseinandersetzung mit Kunst für uns selbst und über die Welt eröffnet und wie künstlerische Herangehensweisen unser Denken und Handeln prägen. Ausserdem zeigt sie am Beispiel der von ihr entwickelten Methode Künstlerbrille® auf, wie Erwachsene einen lebendigen Zugang zu künstlerischen Haltungen und Fähigkeiten finden und wie sich diese konkret in Alltag und Beruf übertragen lassen.
Interview: Lynette Weber
Sie sind seit vielen Jahren in verschiedensten Funktionen im Kunstbereich tätig. Dabei setzen Sie sich täglich intensiv mit Kunst auseinander und erleben auch, wie andere dies tun. Was können wir aus Ihrer Sicht durch die Auseinandersetzung mit Kunst über uns selbst und über die Welt erfahren? Welche Möglichkeiten eröffnet sie uns?
Ich denke, die Auseinandersetzung mit Kunst ermöglicht uns vor allem eines: ein vertieftes Verständnis von uns selbst und der Welt. Die Gabe, sich auszudrücken und zu gestalten, ist grundsätzlich jedem Menschen gegeben. Sie äussert sich in Bildern, Tönen, Sprache oder Bewegungen. Kunst ist eine elaborierte Form menschlichen Ausdrucks. Wer sich mit den Künsten befasst, erfährt mehr über sich selbst. Zum Beispiel über die eigenen Gefühle und Werte. So können zeitlose Theaterstücke wie Shakespeares Hamlet oder Macbeth, Goethes Leiden des jungen Werthers oder Faust Emotionen in uns auslösen – Liebe, Freude, Irritation, Wut, Trauer –, weil sie grundlegende Facetten des Menschseins beschreiben. Sie können aber auch kräftig an unserem Wertekatalog rütteln. Unsere Reaktion zeigt uns, was uns berührt, bewegt oder was wir ablehnen.
Kunstwerke eröffnen uns unterschiedliche Perspektiven auf unsere Wahrnehmung und unsere Vorurteile und schärfen so die Sinne. Wenn wir ein Werk nicht verstehen und vorschnell bewerten, verweist das oft auf unsere eigenen Denkmuster. Malewitsch etwa hat mit seinem schwarzen Quadrat oder Duchamp mit seinen Ready-mades für Unverständnis in der Gesellschaft gesorgt. Heute ist es nicht anders. Die Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn und Miriam Cahn lösen mit ihren Werken immer wieder Kontroversen und heftige Diskussionen aus. Solche Kunstwerke auszuhalten, erfordert Offenheit und Toleranz. Mit einer vorschnellen Beurteilung berauben wir uns sonst der Chance auf eine neue Erfahrung und gegebenenfalls auch auf eine Erkenntnis, die uns weiterbringt.
Kunst fördert zudem Empathie. Ein Film, ein Tanzstück, ein Buch oder ein Konzert lassen uns entdecken, womit wir uns identifizieren können und was uns bereichert. Kunst kann Erinnerungen wecken oder uns helfen, innere Befindlichkeiten und Konflikte zu reflektieren. Vor allem regt sie zum Nachdenken an, befeuert unsere Kreativität und erweitert unser Denken über das Gewohnte hinaus. Sie zeigt uns, wie vielfältig menschlicher Ausdruck sein kann.
Darüber hinaus eröffnet Kunst einen besonderen Zugang zum Verständnis über die Welt. Sie macht gesellschaftliche Zustände erfahrbar, widerspiegelt politische, soziale und kulturelle Realitäten und kann Missstände sichtbar machen. Man kann beispielsweise ein Geschichtsbuch über die Bourgeoisie des 18. Jahrhunderts lesen oder genüsslich und nuancenreich Gustave Flauberts Madame Bovary, die über ihre Verhältnisse lebt, um der Tristesse, des Korsetts der Ehe und der Langeweile des Provinzlebens zu entfliehen.
Solche Werke ermöglichen einen verdichteten, vielschichtigen Einblick in andere Lebenswelten, in fremde Kulturen und (vergangene) Zeiten. Sie zeigen, wie Menschen gedacht, gefühlt und gelebt haben. Kunst eröffnet damit eine Vielzahl von Wahrheiten. Es gibt nicht nur eine Sicht auf die Welt, sondern viele Deutungen, die nebeneinander bestehen können. Kunst vermag diese Vielfalt zu einem Ganzen zusammenzufügen und erfahrbar zu machen. So trägt Kunst dazu bei, uns selbst bewusster zu verstehen und die Welt differenzierter zu betrachten.
Bislang haben wir über die Bedeutung von Kunst für uns persönlich und für unsere Sicht auf die Welt gesprochen. Nun würde ich gerne die Perspektive wechseln: Es geht nicht mehr so sehr um das Was, sondern vielmehr um das Wie. Wie beeinflussen künstlerische Herangehensweisen unser Denken und Handeln, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene?
Künstlerische Herangehensweisen zeigen auf, wie wir denken, handeln, entscheiden und miteinander umgehen. Hier kommen Künstler*innen aller Sparten ins Spiel. So unterschiedlich ihre Berufsbilder auch sind, es lassen sich doch häufig gemeinsame Haltungen bzw. bestimmte Habiti erkennen, die künstlerischem Tun oftmals zugrunde liegen und der künstlerischen Arbeit zuträglich, wenn nicht sogar essentiell notwendig vorausgesetzt sind.
Um zu bahnbrechend Neuem zu gelangen, braucht es Neugierde und Offenheit, Wahrnehmungsvermögen, Experimentier- und Gestaltungsfreude, Intuition und Improvisation, Mehrperspektivität, Mut, Urteilskraft, Ungewissheitstoleranz, Kollaboration, Kommunikation und Arbeitsatmosphäre und vieles mehr. Diese Fähigkeiten und Haltungen entfalten sich vor allem in künstlerischen Prozessen. Hier tun sich nämlich Fragen und Lernfelder auf: Wie lassen sich Künstler*innen auf einen innovativen Prozess ein? Wie verlassen sie die neuropsychologische Autobahn und damit ihre Gewohnheit? Wie schaffen sie sich Freiräume? Wie kommen sie in einen kreativen Fluss? Wie erweitern sie ihre Fantasie? Wie gehen sie mit Hindernissen um? Wie verhalten sie sich, wenn sie scheitern? Denn gerade im Scheitern liegt oft ein entscheidender Moment: Nicht selten entsteht daraus erst wirklich Interessantes und Neues.
Können Sie dies anhand eines Beispiels verdeutlichen?
Seit 2011 beschäftige ich mich intensiv mit solchen künstlerischen Fähigkeiten und Haltungen und habe sie systematisch gesammelt und weiterentwickelt. Die Erfahrung zeigt, dass sich Künstler*innen in vielen dieser Haltungen wiederfinden und dass sich diese sowohl auf Einzelpersonen als auch auf Gruppen übertragen lassen. Ein zentrales Beispiel ist die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, um Situationen bewusst aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dies verhilft zu Einfühlsamkeit, offenerer Kommunikation und reflektierteren Entscheidungen. Gerade in Zeiten, wo Facts und Fakes immer schwerer auseinanderzuhalten sind, gilt es, Ambiguität auszuhalten. Darin sind Künstler*innen meisterhaft, weil sie mit Mehrdeutigkeiten und Unwegsamkeit umzugehen wissen. Um Neues zu entdecken, begeben sie sich absichtlich auf unbekanntes Terrain, wo es kein GPS, kein Rezept und keine eindeutigen Lösungen gibt. Statt Dinge zu vereinfachen, stellen sie sich der Komplexität, denn Letzteres reichert Kunst an. Die Fähigkeit, Unsicherheit in komplexen Lebens- und Arbeitszusammenhängen produktiv zu nutzen, können sich auch andere Menschen aneignen. Künstlerische Methoden wie Improvisation oder experimentelles Arbeiten fördern flexibles Denken und unterstützen kreative Problemlösungsstrategien.
Sie haben beschrieben, welche Haltungen und Fähigkeiten durch künstlerische Prozesse gefördert werden. Wie zeigen sich diese im Alltag, in der Wahrnehmung und im Umgang mit anderen? Und wie tragen Künstler*innen bzw. ihre Herangehensweisen dazu bei, neue Denk- und Erfahrungsräume zu eröffnen?
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür zeigt sich in einer Fähigkeit, die auf den ersten Blick simpel wirkt, die aber gelernt sein will: der Wahrnehmung. Künstler*innen zeichnen sich durch eine feine Sensibilität aus. Sie haben fast schon seismographische Antennen und können so Tendenzen früh aufspüren. Sie sind gute Beobachter*innen, nehmen ihre Umwelt aufmerksam wahr und beschönigen nichts.
David Bowie beschrieb sich selbst als «ziemlich guten Beobachter gesellschaftlicher Prozesse». Er interessierte sich für die unterschiedlichsten Dinge abseits der Popmusik, liess sich inspirieren, filterte, kontextualisierte. Über Jahrzehnte hinweg erfasste er den jeweiligen Zeitgeist, lud dessen Essenz visuell und akustisch auf und brachte sie mit ungeheurer Anziehungskraft auf die Bühne.
Je mehr uns interessiert und je breiter unsere Interessensgebiete sind, desto mehr nehmen wir wahr. Dadurch erleben wir die Welt vielschichtiger und entdecken immer neue Anknüpfungspunkte für Ideen und Handlungen. Die Regisseurin Johanna Wehner geht ähnlich vor. Sie beschäftigt sich sehr früh mit dem Werk, das sie zur Aufführung bringen will. Sie formuliert ein Kernthema oder eine zentrale Frage, legt das Stück dann ein gutes halbes Jahr beiseite und beginnt erst später, sich vertieft damit zu beschäftigen.
Wer sich für vieles interessiert, sich aktiv mit einem Thema befasst oder über einen gewissen Zeitraum eine Frage «im Hintergrund mitlaufen» lässt und dabei mit offenen Sinnen durch die Welt geht, bekommt unweigerlich Impulse angeboten, die sie oder ihn weiterbringen. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung kann also jede*r gezielt schulen. Fragen, die zum Nachdenken anregen, sind: Was interessiert mich? Was öffnet meine Sinne? Wodurch kann ich meine Beobachtungsfähigkeit schulen? Womit kann ich Scheuklappen lockern oder gar ablegen?
Künstler*innen können mit ihren Werken auch gesellschaftliche Themen sichtbar machen, seien es Klima, Migration oder Krieg. Sie initiieren Diskussionen, schaffen Reflexionsräume und hinterfragen Normen und Machtstrukturen. Utopische oder kritische Szenarien eröffnen neue Denk- und Handlungsoptionen jenseits bestehender Strukturen. Community Art oder Performances im öffentlichen Raum ermöglichen Partizipation, stärken das Wir-Gefühl und fördern gemeinschaftliches, demokratisches Handeln.
Auch die Arbeitsatmosphäre ist entscheidend: In Gruppen einen «geschützten Raum» zu erleben, fördert Vertrauen, weil Gedanken frei geäussert werden können und es kein Richtig oder Falsch gibt. Die Schweizer Regisseurin, Schauspielerin, Autorin und Theaterpädagogin Eveline Ratering beschreibt das so: «Die Darstellenden geben sehr viel von sich preis. Sie müssen sich zeigen. Damit das wirklich passieren kann, sehe ich es als meine Aufgabe, im übertragenen Sinn einen Raum zu schaffen, in dem sie sich sicher und aufgehoben fühlen. Dasselbe geschieht bei meiner Arbeit als Dozentin. Wenn ich einen Raum schaffe, wo Fehler erlaubt sind, wo wir forschend unterwegs sind und uns sicher fühlen, merke ich, dass ich mit einer Gruppe sehr schnell viel weiterkomme als in einer angespannten Atmosphäre.» Wir können uns also fragen: Welche Atmosphäre fördert den Gedankenaustausch in meinem Umfeld und regt das Gespräch an? Und wie schaffe ich einen vertrauensvollen Raum, wo echte Begegnung stattfinden kann?
Mit der Künstlerbrille® haben Sie selbst ein Konzept entwickelt, das dabei unterstützen soll, künstlerische Herangehensweisen und daraus hervorgehendes Denken und Handeln auch ohne Vorwissen für den eigenen beruflichen Alltag zu nutzen. Wie ist diese Idee entstanden?
Die zündende Idee zur Künstlerbrille® erlebte ich selbst in meinem Atelier: Vor mir liegen ein kräftiges Zyklamrot, ein gedämpftes Rosa, Pflaumenblau, Zitronenfaltergelb, daneben Asphaltgrau und Titanweiss. Ich betrachte mein Gemälde, an dem ich arbeite, entferne mich ein paar Schritte, halte inne, schaue. Ich gehe nochmals zwei Schritte zurück, kneife die Augen leicht zusammen. Damit verschwinden die Details, die Umrisse und Flächen werden deutlicher, das Wesentliche kommt zum Vorschein. Ich bestimme einen Farbton. Mit der Unschärfe im Gedächtnis mische ich diesen ab, halte ihn auf dem Spachtel mit Abstand zum Bild und vergleiche, stimme innerlich zu, übertrage die Farbe auf den Pinsel, nähere mich dem Bild und bringe sie an der gewählten Stelle an. Dann trete ich etwas zurück, überprüfe, hole nochmals frische Farbe und trage sie etwas überlappend auf. Ich lege den Pinsel ab und trete einige Meter zurück, um die Veränderung einordnen zu können. Mitten in diesem Geschehen passiert etwas Eigenartiges. Auf einmal nehme ich nicht nur wahr, was ich male, sondern vor allem, wie ich male: die Art und Weise, wie ich die Farbe mische und setze, woher ich weiss, was als Nächstes zu tun ist, was ich unternehme, wenn sich etwas zeigt, das nicht gewollt, aber interessant ist. Die einzelnen Schritte meines gestalterischen Tuns sehe ich plötzlich in einem grösseren Zusammenhang. Ich beginne, mich selbst Schritt für Schritt beim Malen zu beobachten und zu fragen: Wie entwickle ich Ideen? Was brauche ich dazu? Wie gehe ich mit neuen Materialien um? Wie reagiere ich auf Unvorhergesehenes? Wie verhalte ich mich, wenn ein künstlerischer Versuch scheitert? Was lerne ich daraus? Wie integriere ich das Gelernte in meine Kunst? Das geschah vor gut 15 Jahren.
Mir war dieses Gewahrwerden zugefallen und ich bin bis heute drangeblieben. In Workshops für Lehrkräfte und Dozierende, aber auch für Führungskräfte und Mitarbeitende bringe ich mit anschaulichen Künstlerbeispielen und einem hohen Übungs- und Experimentieranteil künstlerische Fähigkeiten und Haltungen zum Ausdruck. Sie werden vermittelt, trainiert und reflektiert, um sie schliesslich in das berufliche Umfeld der Teilnehmer*innen zu transferieren.
Ich bin von der Strahlkraft künstlerischen Denkens und Handels überzeugt: Menschen können durch die Auseinandersetzung mit künstlerischen Fähigkeiten und Haltungen ihre Wahrnehmung und Sichtweise erweitern und die Erkenntnisse auf ihre Handlungsfelder übertragen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass Menschen in anderen Bereichen davon Kenntnis erhalten. Wie kann man sich künstlerische Fähigkeiten aneignen? Es gibt leider keine Rezepte zur Zubereitung von Kreativität. Das Einzige, was wirklich funktioniert, geht über das Tun: Erfahrungen machen, daraus Erkenntnisse ableiten und (anders) weitermachen. Mit der Zeit stellt sich tatsächlich so etwas wie ein künstlerisches Denken ein.
Ich spreche übrigens gerne von der Künstlerbrille® als Metapher, die jede und jeder aufsetzen und für das eigene Tun und vielleicht sogar für das eigene Leben positiv nutzen kann. Gleichzeitig lässt sie sich aber jederzeit wieder ablegen, um sie zu gegebener Zeit wieder aufzusetzen, um dann vielleicht Fragen anders zu stellen, um feste Strukturen zu erkennen und diese aufzuweichen, um die eigenen Seh- und Verhaltensgewohnheiten zu hinterfragen, um die Perspektive zu wechseln, um den Blick für das Ganze zu weiten und für das Wesentliche zu schärfen.
Das Konzept der Künstlerbrille® überträgt also künstlerische Perspektiven in den Alltag. Wie gelingt dieser Transfer konkret? Welche Methoden kommen dabei zum Einsatz?
Dies gelingt über eine Vielzahl an selbstentwickelten Methoden, die stets aus einem fein abgestimmten Mix aus Impulsen, Künstlerbeispielen, praktischer Anwendung mit bereitgestellten Materialien, Reflexion, Austausch und Erkenntnisgewinn bestehen. Ich mache das gerne am Beispiel «Impulse aufgreifen» deutlich. Es beginnt mit Neugierde. In einem Raumlauf stelle ich die Frage: «Worauf wärt ihr neugierig, wenn ihr alle Zeit der Welt hättet? Schiesst ins Blaue! (Hobbies, langgehegte Wünsche.)» Darauf folgt ein kurzer Input dazu, woher sich Künstler*innen ihre Inspiration holen, angereichert mit Beispielen. So erzähle ich etwa die Anekdote, dass Pablo Picasso beim Anblick des überaus gelungenen Gemäldes «Le boneur de vivre» von seinem geschätzten Konkurrenten Henri Matisse den Impuls für einen radikalen Gegenschlag verspürt habe, woraus schliesslich über Nacht «Les demoiselles d’Avignon» entstand. Ich erzähle von meinem Impuls für den Beginn meiner selbständigen Tätigkeit 2009, als ich Mut zu meinen Angeboten in Anbetracht der ersten Automobile in der Fondation Pierre Gianadda in Martigny fasste. Anschliessend wird es praktisch: Ich führe die Gruppe in einen anderen Raum mit vorbereiteten Tischen und Materialien (z.B. Trägerpapiere, Collagenmaterial, Scheren, Klebestifte, Filzstifte). Jede Person arbeitet für sich allein und wählt zunächst zwei gegensätzliche Collagensujets aus, die sie auf dem weissen Trägerpapier arrangiert. Dann notiert jede*r ein Adjektiv zum Arrangement auf eine Karte und wirft sie in einen Sammelkorb. In einem nächsten Schritt gehen alle zu einem nächsten Tisch und ergänzen die beiden vorliegenden Sujets um ein weiteres. Letzteres soll proportional übergross oder verschwindend klein sein. Die Collagenstücke dürfen neu assoziiert und arrangiert werden. Auf eine neue Karte wird die Szenerie mit einem Satz beschrieben. Auch diese Karten landen im Sammelkorb. An einem übernächsten Tisch werden die vorliegenden Collagen wiederum gesichtet. Jede*r wählt zwei Sujets aus, zu denen Sprechblasen gezeichnet und Texte geschrieben werden. Wiederum an einem neuen Tisch geht es darum, dem vorliegenden Bild eine Pointe zu geben. Erst jetzt wird die Collage aufgeklebt. Schliesslich zieht nach einer letzten Rotation jede*r zwei Karten aus dem Sammelkorb – ein Adjektiv und einen Satz – und schreibt anhand dieser Textbausteine und der Collage eine kurze Geschichte, die im Plenum präsentiert wird. Der Prozess wird in Kleingruppen reflektiert und mögliche Transfers in die Lebenswelten der Teilnehmenden erörtert.
Dieser Methodenmix zeigt, wie Impulse entstehen und aufgegriffen werden, wie neue Ideen entwickelt werden und wie sich Spiel- und Experimentierfreude entfalten können. Er macht erfahrbar, wie man Ideen von anderen weiterspinnt, wie sich durch Paradoxie und Verschiebungen der Grössenverhältnisse die eigene Wahrnehmung schärft und sich neue Gedanken auftun. Er hilft, die Angst vor dem vermeintlichen Anfang zu verlieren, indem man einfach macht und schaut, was sich daraus ergibt. Die Transfermöglichkeiten in das eigene berufliche Umfeld sind schliesslich vielfältig: eine Aufgabe bewusst anders beginnen, eine Problemstellung als Collage nur für sich selbst darstellen, den Mut haben, im Arbeitsprozess Dinge umzustellen oder zu verwerfen, eine neue Perspektive einnehmen oder diesen neu beschrittenen Prozess einer Person des Vertrauens erzählen und um Rückmeldung bitten.
Ergänzend kommen manchmal auch Kreativ-Strategien zum Einsatz. In einem dreitägigen Workshop zur Künstlerbrille® fragte mich eine Dozentin für Biologie aus Kiew, wie sie diesen Reichtum an kunstbasierten Methoden und Strategien in ihren Unterricht mit Studierenden einfliessen lassen könne. Die Gruppe arbeitete daraufhin mit der «Ja und»-Methode. Statt Ideen mit «Ja, aber» zunichte zu machen, wurde jeder Impuls – sei es ein Gedanke, ein Beispiel oder eine spontane Assoziation – aufgegriffen und weitergeführt. Alles durfte ungefiltert in die geschützte Runde eingebracht werden. So schnell, wie die Möglichkeiten genannt wurden, kam die Dozentin kaum mit Notieren nach. Im Nu entstanden nicht nur eine Dynamik und ein Flow, sondern auch ein starkes Wir-Gefühl. Ideen wurden aufgegriffen und weiterentwickelt und es wurde viel gelacht. Am Ende des Workshops verabschiedete sich die Dozentin mit den Worten: «Hier konnte ich den Krieg vergessen.»
Wie kann die Künstlerbrille® helfen, im Alltag neue Sichtweisen einzunehmen – etwa im Umgang mit Menschen oder in Konfliktsituationen?
Die Künstlerbrille® ist ein wirksames Instrument, wenn es um Ideenfindung und Innovation geht. Das kann allein im stillen Kämmerchen als auch im Team passieren. Dabei kommen die genannten Kreativ-Methoden zum Einsatz, beispielsweise auch die «Was wäre, wenn»-Imaginationstechnik. Neue Ideen und Gedanken zu einem Thema entstehen durch provozierende oder auch absurde Fragestellungen.
Für Multiperspektivität gibt es zudem eine ganze Reihe von Methoden wie z.B. die Kopfstandmethode – die Umkehrung des Ziels der Herausforderung. Dabei wird die ursprüngliche Frage umgekehrt und zugespitzt, zum Beispiel: «Was müssten wir tun, damit der Konflikt eskaliert?» Ich habe diese Methode einmal in einem Team angewendet, das nach einer geeigneten Stellvertretung suchte. Zunächst wurde wild gesammelt, was eine gute Lösung verhindert, z.B. fehlende Dokumentation, Weiterleitung von fake, lückenhaften oder gar keinen Informationen. Anschliessend wurden diese Punkte auf den Kopf gestellt, also ins Gegenteil verkehrt und damit ins Positive gewandelt. Auf diese Weise lassen sich feste Strukturen im Kopf aufbrechen. Man gewinnt Abstand, um eine neue Sicht einzunehmen.
Eine weitere Methode ist das A-bis-Z-Spiel, ein intuitives Wort- und Assoziationsspiel. Am linken Rand eines Blattes werden alle 26 Buchstaben untereinander notiert. Dann wird zu jedem Buchstaben ein Wort oder ein kurzer Satz zum vorliegenden Thema festgehalten. So werden Quellen im Unbewussten angezapft, um schwierige Themen und Probleme zu analysieren. Das funktioniert wunderbar in Kleingruppen.
Sie haben bereits einige Ansätze zur Anwendung künstlerischer Herangehensweisen im Alltag beschrieben. Wenn wir nun noch einmal gezielter auf den Arbeitskontext blicken: Wie lassen sich künstlerische Denk- und Arbeitsweisen auf unternehmerische Prozesse übertragen?
Ich greife dafür drei künstlerische Prinzipien heraus: ergebnisoffen arbeiten, Nichtwissen zulassen und Kontrolle abgeben. Auf den ersten Blick wirken diese Ansätze widersprüchlich, und tatsächlich sind sie in vielen Unternehmen kaum verankert.
Beim ergebnisoffenen Arbeiten werden die Ziele breit angelegt und möglichst lange offengehalten. Es entstehen Überraschungen, Fehler und Unbeabsichtigtes, die uns in eine andere Richtung führen. In kleinen Schritten werden Umwege erkundet und vielfältig wahrgenommen. Das alles fliesst in die Arbeit mit ein. Es ist kein linearer, sondern ein mäandernder Prozess. Dieses Vorgehen unterscheidet sich von üblichen Brainstormings in Unternehmen. Häufig wird aus ersten Ideen rasch die vermeintlich beste ausgewählt, evaluiert und umgesetzt. Diese Ideen sind jedoch selten wirklich neu, weil sie bereits in den Köpfen der Teilnehmenden angelegt waren. Erst wenn Hürden und Krisen auftreten, bestehende Ansätze scheitern, kommt es zu Wendepunkten, an denen das wirklich Interessante entstehen kann. Dieses Gefühl, dass einem der Boden unter den Füssen wegbricht, gilt es auszuhalten.
Ein zweites Prinzip ist das Zulassen von Nichtwissen. Künstler*innen beschreiten Wege, die sie noch nicht gegangen sind. Sie sind Suchende, stellen Fragen und haben nicht auf alles sofort eine Antwort parat. Das erfordert (Selbst-)Vertrauen und ein Umfeld, das sich auf den gemeinsamen Findungsprozess einlässt. Manche Künstler*innen schieben Antworten bewusst hinaus. Je mehr Zeit man sich gibt, desto mehr Gelegenheiten entstehen, Dinge auszuprobieren und vielleicht auf Ideen zu kommen, an die man zuvor nicht gedacht hat.
Beim dritten Prinzip geht es schliesslich um das Abgeben von Kontrolle. Künstler*innen wissen um die Kraft des Kontrollverlusts. Sie bewahren einen freien Kopf und bleiben offen für das Unerwartete. Kontrolle und Festgelegtes stehen dabei im Gegensatz zu Intuition und Präsenz. Künstler*innen warten mitunter auf diesen Moment des Kontrollverlusts, der alles, was zuvor gemacht wurde, umwirft. Es ist ein Loslassen im Vertrauen darauf, dass sich eine neue Richtung auftut.
Wozu inspirieren diese Ansätze oder vorgestellten Prinzipien genau – zum Beispiel im Hinblick auf Innovation, Führung oder Kommunikation?
Kürzlich habe ich ein Gespräch mit einer Abteilungsleiterin geführt, um die Langzeitwirkung und Nachhaltigkeit eines Trainings sowie zweier Transferphasen mit ihrem zehnköpfigen Team zu reflektieren. Seit dem Abschluss-Event sind rund sieben Monate vergangen. Sie berichtete, dass sie in Arbeitsgruppen seither vermehrt kreative Methoden einsetzt, weil ihr diese helfen, Menschen auf einer anderen Ebene abzuholen – nicht nur über den Kopf, sondern auch über den Bauch und die Gefühle. Das erfordere Mut, sagte sie, aber diese künstlerischen und kreativen Strategien funktionieren, weil sie Dinge in Bewegung bringen und die Menschen als Ganzes ansprechen. Zudem stellte sie fest, dass ihr Team zusammengewachsen ist. Die Beziehungen haben sich verbessert und es wird mehr gelacht. Es ist eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis entstanden, auch deshalb, weil diese Methoden dazu einladen, sich zu öffnen und etwas von sich preiszugeben.
Und zum Abschluss: Was möchten Sie Menschen mitgeben? Welche Erfahrungen wünschen Sie möglichst vielen im Umgang mit künstlerischem Tun?
Ich möchte Menschen ermutigen, sich neugierig und spielerisch auf künstlerische Sichtweisen und Methoden einzulassen, unabhängig davon, ob sie sich selbst als kreativ wahrnehmen oder nicht. Wenn wir etwas gestalten, erschaffen, ausdrücken und transformieren, wird unser Gefühl von Selbstwirksamkeit gestärkt. Im aktiven Tun erleben wir uns als Mitgestalter*innen unseres Lebens und – zumindest teilweise – auch als Mitgestalter*innen der Gesellschaft, in der wir leben. Darin liegt für mich der wertvollste Gewinn künstlerischer Arbeit.
(Das Interview wurde schriftlich geführt)