27.05.2026
N°1 2026

Literatur ermöglicht Erfahrungen, die wir aus dem eigenen Leben nicht kennen

Thomas Strässle ist Literaturwissenschaftler und befasst sich neben der Literatur auch mit dem spartenübergreifenden Zusammenspiel der Künste sowie der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft. Dieses Gespräch geht den Fragen nach, was man aus den Künsten erfährt, worin der Reiz der Literatur liegt und was gute Kunstvermittlung leisten sollte.

Interview: Irena Sgier

Welche Erkenntnisse und Zugänge zur Welt ermöglicht die Literatur aus Ihrer Sicht? Oder einfacher gefragt: Was erfährt man aus der Literatur? Und inwiefern hilft sie dabei, die Welt oder das eigene Leben zu verstehen, vielleicht auch zu gestalten?

Was man aus der Literatur erfährt? Unendlich viel! Die Literatur hat die Möglichkeit, sich in jede Zeit hineinzuversetzen, ob sie nun vergangen, gegenwärtig oder zukünftig ist, in jeden Raum, selbst wenn es ihn nicht gibt oder geben kann, in jede Person, in jede Lebenslage, in jede Gefühlslage. Das ist der Reiz von Literatur. Und dadurch ermöglicht sie uns, uns ebenfalls in andere Welten und Zeiten und Menschen hineinzuversetzen. Das ist unglaublich bereichernd, da es den Horizont erweitert und zu Erfahrungen führt, die wir aus dem eigenen Leben nicht kennen. Oder vielleicht kennen, aber so noch nie erkannt haben. Die Literatur tut dies aber nicht auf einer abstrakten Ebene wie die Wissenschaften, sondern auf der Ebene des erzählten Individuums. Und darin liegt vielleicht ihre grösste Stärke. Max Frisch hat einmal in einem Interview auf die Frage, was denn eigentlich die Domäne der Literatur sei, geantwortet: «Fast wage ich zu sagen: das Private. Was die Soziologie nicht erfasst, was die Biologie nicht erfasst: das Einzelwesen, das Ich, nicht mein Ich, aber ein Ich, die Person, die die Welt erfährt als Ich, die stirbt als Ich, die Person in allen ihren biologischen und gesellschaftlichen Bedingtheiten, also die Darstellung der Person, die in der Statistik enthalten ist, aber nicht zur Sprache kommt.» Diese Auffassung von Literatur hat mir immer sehr eingeleuchtet.

Nun ist das erzählte Individuum ja die Erfindung eines Autors, einer Autorin, und keine reale Person. Ist es nicht eigentlich verwunderlich, dass man als Leser aus den Erfahrungen fiktiver Figuren, die mehr oder weniger realistisch angelegt sind, Erkenntnisse und Einsichten für das eigene, reale Leben gewinnen kann?

Wieso denn nicht? Fiktive Figuren sind genauso nahe erlebbar wie echte Menschen – und vielleicht sogar noch näher, da wir alles aus ihrem Inneren erfahren können: Warum sie so sind, wie sie sind, warum sie so handeln, wie sie handeln, warum sie so denken, wie sie denken, warum sie so fühlen, wie sie fühlen. Fiktive Figuren können einem genauso ans Herz wachsen wie Menschen aus dem tatsächlichen Leben. Womöglich fällt es uns sogar noch leichter, uns in sie hineinzuversetzen, weil wir keine konkreten Personen vor Augen haben und fiktiven Figuren in unserer Vorstellung selber eine Gestalt geben müssen.

Sie sind Literaturwissenschaftler und ausgebildeter Flötist. Während Literatur an die Sprache gebunden ist, ist Musik – abgesehen vom Gesang – eine nonverbale Kunst. Wo sehen Sie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Erkenntnissen und Erfahrungen, die diese beiden Künste ermöglichen?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Zunächst einmal sind es natürlich zwei völlig verschiedene Künste: Wort versus Klang. Oder man könnte auch sagen: Die Literatur ist tendenziell gegenständlich und die Musik gegenstandslos. Aber sie scheinen sich zumindest gut zu ergänzen, wie Opern, Lieder, Songs und Chansons zeigen – und umgekehrt zum Beispiel die Lautpoesie, die ganz auf die Klanglichkeit der Sprache setzt. Es muss also eine grundsätzliche Verwandtschaft zwischen Musik und Literatur geben, und ich sehe sie weniger nur in den Erkenntnissen und Erfahrungen, die sie ermöglichen, als vielmehr in ästhetischen Grundkategorien wie Klang, Bewegung, Struktur und Form. Es gab eine Zeit, die Frühromantik, als man Literatur und Musik nicht mehr als getrennte Disziplinen verstand, sondern als untrennbare Einheit, die gemeinsam das Unaussprechliche ausdrücken sollte – in Form einer Literarisierung der Musik und einer Musikalisierung der Literatur. Ich selber habe in meiner Ausbildung Literatur und Musik nie als Gegensätze gesehen, sondern als wechselseitige Ergänzungen.

Im Rahmen Ihrer Tätigkeit als Leiter des Y-Instituts an der Hochschule der Künste Bern befassen Sie sich noch in einem breiteren Sinn mit dem spartenübergreifenden Zusammenspiel der Künste. In ihren Praktiken und Darstellungsformen gibt es grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Künsten. Inwiefern gilt das auch für ihre Denkweisen und Erkenntnismöglichkeiten?

Wir suchen am Y-Institut gerade nach dem, was die verschiedenen Künste eint und eben nicht trennt. Und dieses Einende findet man entweder in dem, was der Trennung in verschiedene Kunstsparten vorausgeht, oder in dem, was aus ihrer Wiedervereinigung hervorgeht. Zum Ersten: Es gibt zahllose Perspektiven, unter denen man die Künste gesamthaft betrachten kann, unabhängig davon, in welche Kunstsparten sie sich ausdifferenziert haben. Beispiel Materialität: Woraus bestehen die Künste? Mit welchem Material arbeiten sie? Es gibt eine Materialität der Sprache, eine Materialität des Klanges, eine Materialität des Bildes, eine Materialität des Körpers – Literatur, Musik, bildende Kunst, Tanz. Unter einer solchen Perspektive gelangt man zu den Grundfragen der Ästhetik, zu den Fragen, die alle Künste gleichermassen betreffen, und nicht bloss einzelne Kunstsparten. Und zum Zweiten: Es ist eine Realität der zeitgenössischen (aber nicht nur!) Kunstproduktion, dass sich die Künste näherkommen, etwa in Installationen, die einen akustischen und einen visuellen Aspekt haben, oder in Performances, die mit Wort, Bild, Körper und Klang arbeiten – bis hin zum Gesamtkunstwerk, in dem sich die verschiedenen Kunstformen zu einer ästhetischen Einheit verbinden und sich gegenseitig ergänzen – von der Dichtung über Musik und Malerei bis hin zur Architektur, dem Theater und dem Tanz.

Am Y-Institut arbeiten Sie an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft. Wie schafft man es, die doch sehr unterschiedlichen Sicht- und Denkweisen von Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen?

Vielleicht sind sie gar nicht so unterschiedlich. Natürlich: Wissenschaft muss immer ausweisen können, was sie tut, sie muss nachvollziehbar, überprüfbar, wiederholbar sein, sonst gelten ihre Ergebnisse nichts. Die Kunst darf wesentlich freier und eigenwilliger sein. Aber im Grunde haben beide dieselben Antriebe: Neugier und Kreativität. Beide wollen ‹es wissen›. Und so ist es auch nicht erstaunlich, dass sich Künste und Wissenschaften immer mehr annähern. In den Künsten gibt es seit den 2000er Jahren das neue Feld der «künstlerischen Forschung», die gerade auf der Annahme beruht, dass auch Künste Wissen herstellen können, und zwar auf ihre ganz eigene Art und Weise. Um ein Beispiel zu geben: Ich leite derzeit ein Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds, in dem es um ein ungelöstes Problem der Bewusstseinsphilosophie geht, nämlich dass sich subjektive Erfahrung empirisch von aussen nur sehr unzulänglich erfassen lässt. Um diese Lücke zu schliessen, wählen wir die Literatur als Erkenntnismedium: Wie lässt sich ein Bewusstsein nicht von aussen beschreiben, sondern mit literarischen Mitteln erschreiben und insofern intersubjektivierbar machen? Das ist eine Frage an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, die vor 20 Jahren noch nicht denkbar gewesen wäre.

Was kann ästhetische Bildung und insbesondere die Auseinandersetzung mit Kunst gesellschaftlich zum Verständnis und zur Gestaltung der Gegenwart – oder auch der Zukunft – beitragen?

Es gibt die lange Tradition der «politischen Kunst», die es sich zur Aufgabe macht, uns auf die blinden Flecken unserer politischen Wahrnehmung hinzuweisen. Aber Kunst muss nicht einmal ausdrücklich politisch sein, um politische Bedeutung zu haben. Es gibt auch Formen der Kunst, die auf den ersten Blick wenig politisch wirken, es aber in höchstem Masse sind. Nehmen Sie Franz Kafka als Beispiel: Seine Texte machen den Anschein, als ob sie in einem absoluten, zeitenthobenen Raum des Literarischen spielten. Aber kaum einer hat uns wie Kafka auf die Gefahren einer verwalteten Welt und einer gesichtslosen Macht hingewiesen, die urteilt, ohne sich einer Begründung schuldig zu fühlen. Und wenn Sie nach der Zukunft fragen: Wie oft wird in unserer unmittelbaren Gegenwart, insbesondere in den USA, George Orwells Roman 1984 zitiert! Sogar auf Mützen: MAKE ORWELL FICTION AGAIN. Der Roman erschien 1949, aus damaliger Sicht lag das Jahr 1984 noch in weiter Ferne. Und 2026 scheint es so, als liesse sich der visionäre Gehalt dieses Buches erst in unserer Gegenwart so richtig abschätzen – leider.

Wie finden Erwachsene überhaupt Zugang zu den Künsten? Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Kunstvermittlung?

Vermittlung erachte ich als eine der vordringlichsten Aufgaben im Bereich der Künste – und übrigens auch der Kunstausbildung. Kunst, zu der keine Zugänge geschaffen werden, ist tote Kunst, die sich irgendwo in einem abgelegenen Raum abspielt und keinerlei gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Die Frage ist nur, was gute Vermittlung ist. Ich habe mir diese Frage oft gestellt und schliesslich auch eine Antwort gefunden: Man soll die Intelligenz der Leute nicht unterschätzen und ihr Vorwissen nicht überschätzen. Gute Vermittlung bringt die Leute zum Nachdenken, sie bringt sie auf eigene Gedanken, ohne sie am Gängelband zu führen, stellt ihnen aber auch die Hintergründe zur Verfügung, die sie dafür brauchen.

Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht die ästhetische Bildung insgesamt in der Gesellschaft, ob sie nun in Institutionen oder ausserhalb, als selbstständige Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, stattfindet? Wofür braucht es sie?

Eine Gesellschaft, die ihren Sinn für Ästhetik verliert, könnte nicht weiterexistieren oder sich zumindest nicht weiterentwickeln. Wir haben es doch ständig und auf allen Ebenen mit Phänomenen zu tun, die eine ästhetische Dimension haben: vom Produktdesign bis zur Landschaftspflege und vom Klingelton bis zur Infografik. Ästhetisches Bewusstsein umfasst weit mehr als nur die schönen Künste, und so ist es auch mit der ästhetischen Bildung. Ohne sie würden wir uns blind und stumpf durch die Welt bewegen.

Als Professor sind Sie an Hochschulen tätig. Parallel dazu engagieren Sie sich auch in Kontexten, die sich an Kulturinteressierte in der breiteren Bevölkerung richten, beispielsweise im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens oder am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Was motiviert Sie als Wissenschaftler zu diesem Engagement und was möchten Sie damit bewirken?

Das Leben im Elfenbeinturm wäre mir zu eintönig und zu selbstbezogen. Die Literaturwissenschaft behandelt Themen, die viele Leute beschäftigen, sie muss nur so darüber reden, dass die Leute sich auch angesprochen fühlen und sich damit auseinandersetzen können. Dann wird es richtig interessant: Denn dann entsteht ein Gespräch, wie ich es in vielen Veranstaltungen erlebe und von dem ich selber profitiere. Und nicht zuletzt finde ich: Hochschulen werden von der Öffentlichkeit getragen, da hat die Öffentlichkeit auch ein Recht, etwas zurückzubekommen.

(Das Interview wurde schriftlich geführt)