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Expansives Lernen

Mit diesem Heft begibt sich die EP auf die Suche nach Lernprozessen, die – aus einer subjektwissenschaftlichen Perspektive betrachtet – als expansiv bezeichnet werden können. Expansives Lernen geschieht, wenn wir den Lernanlass mit unseren Lebensinteressen verbinden und ihm so eine subjektive Bedeutsamkeit zuweisen können. Wer expansiv lernt, antizipiert mit seiner Lernaktivität eine Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten und eine Entfaltung oder Verbesserung seiner Lebensqualität. In Praxis und Politik sowie teilweise in der Wissenschaft ist derzeit jedoch eine gegenläufige Tendenz zu beobachten: Lernen wird zunehmend in den Dienst vielfältiger wirtschaftlicher und sozialer Anforderungen gestellt und dadurch teilweise instrumentalisiert. So soll Weiterbildung bspw. Menschen fit machen für den Arbeitsmarkt oder die Anpassung an technologische Entwicklungen wie KI vorantreiben – oft ohne dass gefragt würde, wie sich die Lernaktivitäten mit den subjektiven Lebensinteressen, Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Erwachsenen verbinden lassen. So wichtig Arbeitsmarktfähigkeit oder ein sinnvoller Umgang mit KI sind, wenn keine Verbindung zu den subjektiven Interessen der Lernenden entsteht, bleibt – so die subjektwissenschaftliche Lerntheorie – der Lernerfolg oberflächlich und begrenzt. Klaus Holzkamp spricht in diesem Fall von defensivem Lernen. Im Gegensatz zum expansiven Lernen ist defensives Lernen primär darauf ausgerichtet, Bedrohungen abzuwehren und Nachteile oder Sanktionen zu vermeiden, nicht aber sich vertieft sachliche und soziale Bedeutungszusammenhänge anzueignen. Das Begriffspaar expansiv-defensiv sollte allerdings nicht als zwei sich ausschliessende Pole verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um ein Kontinuum. Ein defensiv angelegtes Lernen kann sich zum vertieften, expansiven Lernen entwickeln. Und umgekehrt können expansive Lernprozesse auch misslingen und sich in Richtung eines eher defensiven Lernens verschieben. Die wissenschaftliche Diskussion um expansives Lernen wird im Anschluss an die Lerntheorie Holzkamps in der Erwachsenenbildung bereits seit über 20 Jahren geführt. Dieses Heft versammelt theoretische und forschungsbasierte Beiträge, die aufzeigen, wie expansives Lernen verstanden, reflektiert und unterstützt werden kann. Im einleitenden Beitrag erörtert Erik Haberzeth die theoretischen Grundlagen der subjektwissenschaftlichen Perspektive auf expansives Lernen und setzt den Ansatz in Bezug zu anderen Lerntheorien. Expansives Lernen wird oft mit Veränderungs- und Transformationsprozessen in Verbindung gebracht. Christine Zeuner zeigt auf, wo die Perspektive des transformativen Lernens Parallelen zu jener des expansiven Lernens aufweist und wo die Unterschiede liegen. Eine dritte Perspektive bringt Evi Agostini ein: Sie setzt den phänomenologischen Ansatz, der sich ebenfalls mit lebensentfaltendem Lernen befasst, in Bezug zur Perspektive des expansiven Lernens. Weitere Autorinnen und Autoren thematisieren das expansive Lernen in spezifischen Kontexten. Bei Claudia Kulmus stehen Lernprozesse von älteren Menschen im Zentrum. Anne Walther befasst sich mit Lernprozessen in Ernährungsbiographien Erwachsener. Helen Buchs und Lynette Weber geben Einblick in die Resultate einer qualitativen Studie über Erwachsene, die nicht an Weiterbildungsangeboten teilnehmen. Sebastian Lerch und Henrik Weitzel zeigen in ihrem Beitrag, dass bürgerschaftliches Engagement ein Erfahrungsraum für expansives Lernen sein kann. In Ergänzung zu den Beiträgen, die die Perspektive des expansiven Lernens theoretisch und empirisch darstellen und einordnen, hat die EP-Redaktion Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner aufgefordert, über ihr eigenes expansives Lernen nachzudenken. Das Ergebnis dieses Nachdenkens sind zehn Geschichten des expansiven Lernens, die im Beitrag von Lynette Weber versammelt sind. Irena Sgier, Erik Haberzeth, Lynette Weber, Alexandre Lecoultre

Ästhetische Bildung

In Zeiten voller Krisen und Unsicherheit wird der Blick auf Bildung und besonders Weiterbildung häufig verengt. Gefragt wird dann primär nach dem unmittelbaren Nutzen für Wirtschaft und Arbeit. Dabei ist nachweisbar, dass allgemeine und kulturelle Bildung gerade in schwierigen Zeiten einen wichtigen Beitrag leisten, um den vielfältigen individuellen Wissens-, Kompetenz- und Reflexionsanforderungen zu begegnen und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. Ästhetische Erfahrungen, die in der sinnlichen Auseinandersetzung und Beschäftigung mit Kunst und Kultur gemacht werden, können Räume der Begegnung und Reflexion schaffen und vielfältige Zugänge zur Welt ermöglichen. Dadurch leistet ästhetische Bildung einen wesentlichen Beitrag dazu, die Kompetenzen Erwachsener im Hinblick auf gesellschaftliche und persönliche Entwicklungen zu stärken. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich diese Ausgabe der EP mit dem Potenzial ästhetischer Bildung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Wechselwirkungen zwischen ästhetischer Bildung und anderen Lebensbereichen, etwa beruflicher Entwicklung, Demokratie oder ethischer Orientierung. Als roter Faden führen diese Fragen durchs Heft: Welche Erkenntnismöglichkeiten eröffnet die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur? Was kann ästhetische Bildung individuell und gesellschaftlich zum Verständnis und zur Gestaltung der Gegenwart beitragen? Zur Einführung in diese EP zeigt Iris Laner auf, wie sich Begriffe und Vorstellungen ästhetischer Bildung historisch in unterschiedlichen Disziplinen entwickelt haben. Wie die Autorin veranschaulicht, bewegt sich die ästhetische Bildung, wie wir sie heute kennen, seit ihren Anfängen zwischen sinnlicher Reflexion, Urteilsfähigkeit und Imaginationskraft. Einen grossen Bogen schlagen auch Alain Kerlan und Samia Langer in ihrem Plädoyer für die Wiederentdeckung von humanistisch orientierten Ansätzen der ästhetischen Bildung, die – wie die Autoren mit Blick auf Frankreich darlegen – in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus dem Blick geraten sind. Steffi Robak legt ihr Augenmerk auf die Zugänge und die Ausdifferenzierung kultureller Erwachsenenbildung und geht der Frage nach, warum das Interesse an ästhetischen Bildungsprozessen aktuell (wieder) zunimmt. Bei Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss stehen die individuellen und gesellschaftlichen Potenziale des Ästhetischen im Zentrum. Sie beleuchtet die Möglichkeiten kultureller Bildung für eine erfahrungsbasierte Demokratiebildung anhand eines aktuellen Forschungsprojektes. Friedrich Schollmeyer beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Ethik und Ästhetik und insbesondere mit deren Vermittlungspotenzialen. Im Praxisteil legen wir den Fokus auf ausgewählte Bereiche ästhetischer Bildung. Barbara Balba Weber zeigt anhand eines Community-Music-Projektes, wie Musikvermittlung gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe fördern kann. Silvan Diener gibt Einblick in die Praxis des interaktiven Theaters als immersiven Erfahrungsraum im Arbeitskontext, wobei Themen wie Führung, Verantwortung oder Zusammenarbeit aufgegriffen werden. Dagmar Frick-Islitzer präsentiert einen Ansatz der Kulturvermittlung, bei dem künstlerische Herangehensweisen genutzt werden, um in unterschiedlichsten Feldern ausserhalb der Kunst Reflexionen anzuregen und neue Perspektiven zu eröffnen. Einen kritischen Blick auf den Umgang mit ästhetischer Erfahrung wirft der Filmwissenschaftler Till Brockmann. Er zeigt anhand konkreter Beispiele, wie wichtig Medienkompetenz und insbesondere ästhetische Kompetenz ist – gerade beim Film, der mit seiner scheinbaren Nähe zur Wirklichkeit dazu verleitet, inszenierte Darstellungen für ein Abbild der Wirklichkeit zu halten. Der Literaturwissenschaftler und Musiker Thomas Strässle gibt im Interview Antworten auf die Frage, was man aus der Literatur erfahren kann und inwiefern sie dabei hilft, die Welt zu verstehen und mitzugestalten. Die Redaktion wünscht Ihnen eine anregende Lektüre und genügend Zeit für eigene ästhetische Erfahrungen. Irena Sgier, Lynette Weber, Erik Haberzeth, Alexandre Lecoultre

Nachhaltigkeit in der Weiterbildung

Das Modell der Nachhaltigen Entwicklung ist als umfassendes Konzept in den 1970er Jahren entstanden, seine globale Verbreitung geht auf den Brundtland-Bericht von 1987 zurück. Auch in der Bildung sind Konzepte nachhaltiger Entwicklung seit längerem präsent – was aber nicht zwingend bedeutet, dass sie in der Praxis auch umgesetzt werden. Diese EP geht deshalb der Frage nach, wie Nachhaltigkeit im Kontext der Erwachsenenbildung verstanden werden kann und (realiter) wird, welche Konzepte zur Verfügung stehen und wie diese sinnvoll genutzt werden können. Im einleitenden Beitrag gibt Henning Pätzold einen Überblick über die wichtigsten Hintergründe, Ansätze und Modelle nachhaltiger Entwicklung in der Erwachsenenbildung. Dazu gehört bspw. die Weiterentwicklung des bekannten Drei-Säulen-Modells hin zu sogenannten Vorrangmodellen, welche der ökologischen Dimension Vorrang vor der sozialen und ökonomischen Dimension einräumen. Pätzold sieht Nachhaltigkeit als Anlass kollektiver (Um-)Orientierung und betont die Komplexität und Unvorhersehbarkeit der damit verbundenen Prozesse. In der praktischen Umsetzung von Erwachsenenbildung für nachhaltige Entwicklung sollten aus seiner Sicht der Umgang mit Komplexität, das Denken in Systemen sowie der Aufbau von Diskursräumen und Kompetenzen eine zentrale Rolle spielen. Ulrich Müller thematisiert die Implementierung von Nachhaltigkeit in den Weiterbildungsorganisationen ebenfalls als umfassenden, ganzheitlichen Prozess. Er erörtert im Rückgriff auf den «Whole Institution Approach», wie Weiterbildungseinrichtungen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit ihre Programmplanungsstrategien mit der Organisationsentwicklung verknüpfen können. Die weiteren Dossierbeiträge analysieren Nachhaltigkeit als Lerngegenstand in der beruflichen Bildung (Julia Hufnagl und Harald Hantke), setzen sich auf der Grundlage empirischer Daten mit den Kompetenzen von Führungspersonen im Hinblick auf Nachhaltigkeit auseinander (Studie von Sarah Eberz) oder gehen der Frage nach, welche Verantwortung Weiterbildungseinrichtungen im Bereich Nachhaltigkeit übernehmen können (Bianca Tokarski). Dabei geht es auch um Chancen und Herausforderungen, um Dilemmata und um die Frage, wie sich die Institutionen im Spannungsfeld zwischen transformativem Bildungsauftrag und Weiterbildungsnachfrage bewegen. Im Praxisteil der EP kommen Weiterbildungseinrichtungen zu Wort. Ronald Schenkel präsentiert exemplarische Einblicke in die Umsetzung von Massnahmen zur Nachhaltigkeit bei mehreren Anbietern. Alice Johnson und Helene Sironi berichten aus ihrer Arbeit bei Silviva, einem Anbieter von naturbezogener Umweltbildung. Philip Smets und Eva Heinen zeigen auf, wie deutsche Volkshochschulen BNE-Konzepte umsetzen. Und bei Cornelia Moser und Jürg Schneider steht das Potenzial von Weiterbildung für die ökologisch nachhaltige Bauplanung im Zentrum. Niels Rot und Alexandra Horvath stellen das Konzept der «Inner Development Goals» vor und berichten aus ihren Erfahrungen mit dem Implementieren dieses Konzeptes in (Weiter-)Bildungsinstitutionen. Im Interview mit Kathrin Reimann von der Organisation Filme für die Erde schliesslich geht es um Lerngelegenheiten ausserhalb von Bildungsinstitutionen und um das Potenzial von Dokumentarfilmen, die Bevölkerung für Nachhaltigkeitsthemen zu sensibilisieren. Wie immer werden die Beiträge ergänzt um kurze Informationen zu aktuellen Projekten und Entwicklungen im Weiterbildungsfeld. Irena Sgier, Sofie Gollob, Erik Haberzeth, Alexandre Lecoultre, Marianne Müller

Zur Geschichte der Erwachsenenbildung

Diese Meilensteine machen deutlich, dass Erwachsenenbildung immer schon ein heterogenes Feld war, das in vielfältige Kontexte eingebunden und damit stark von gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt war. Entsprechend vielfältig sind seit jeher ihre Ziele und Organisationsformen. Eine Publikation, die die Geschichte der Erwachsenenbildung in der Schweiz überblickt und analysiert, gibt es bislang jedoch nicht. Auch in der Forschung werden historische Fragen zur Weiterbildung nur sporadisch und punktuell aufgenommen. Historisches Wissen kann aber gerade in Zeiten grosser Veränderungen, wie wir sie derzeit erleben, hilfreich sein, um Entwicklungen verstehen und in einen grösseren Kontext einordnen zu können. Dazu möchte die vorliegende Ausgabe der EP beitragen. Dabei sind Beiträge zusammengekommen, die prägende Entwicklungsphasen der Erwachsenenbildung analysieren. Die Anfänge organisierter Erwachsenenbildung veranschaulichen Beiträge zur Entstehung der Volkshochschulen (Knüsel) und der Gelehrten Gesellschaften (Schenkel). Zu den Entwicklungen im zwanzigsten Jahrhundert gehörte die Bildungsexpansion der 1960er Jahre (Criblez); im selben Zeitraum begann der Auf- und Ausbau von Bildungsangeboten für Arbeitsmigrantinnen und -migranten (Eigenmann). In diesen Jahrzehnten wirtschaftlichen Aufschwungs mit der dezidierten Ausrichtung der Bildungspolitik auf den Arbeitsmarkt geriet die kulturelle Bildung unter Druck und zuweilen in eine Sinnkrise (Knüsel). Von dieser Entwicklung wurden die Weiterbildungsinstitutionen stark geprägt, und die Institutionen haben ihrerseits versucht, ihren Platz darin zu finden und ihre Interessen zu vertreten. Diesen Prozess spiegelt die Geschichte der Schweizerischen Vereinigung für Erwachsenenbildung, wie der Dachverband SVEB bei seiner Gründung 1951 hiess (Rohrer). Dabei zeigt sich, dass in den Institutionen, die diese Geschichte prägten, neben den bekannten Protagonisten auch mehr Visionärinnen am Werk waren, als bisher wahrgenommen wurde (Zimmerli). Zu den prägenden Entwicklungen seit den 1990er Jahren gehört die zunehmende Professionalisierung der Weiterbildung. Zehn Expertinnen und Experten, die diesen Prozess zum Aufbau andragogischer Berufe mitgestaltet haben, reflektieren Erfolge und Versäumnisse dieser letzten 30 Jahre (Sgier). Viele der in diesem Band versammelten Beiträge nehmen Bezug auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Kontexte. Dies ist kein Zufall, denn tatsächlich hat die Erwachsenenbildung immer schon gesellschaftliche Aufgaben übernommen und besonders in Zeiten grosser Umwälzungen dazu beigetragen, anstehende Herausforderungen zu bewältigen (Kraus). Immer wieder unternehmen die Weiterbildungsakteure auch den Versuch, nicht nur in ihrem eigenen Kontext, sondern auch bei globalen Herausforderungen einen Lösungsbeitrag zu leisten (Nuissl). Wie immer enthält die EP neben den Beiträgen zum Heftthema eine Carte blanche, die zum Nachdenken über das Heftthema hinaus anregen will. In dieser Ausgabe geht es dabei um die lange Reise des Wissensbegriffs durch die Kulturgeschichte (Omlin). Ausgangspunkt dieser EP waren aktuelle Problemstellungen . Ziel der Ausgabe ist es, mit der historischen Reflexion Ansatzpunkte dafür zu bieten, die Gegenwart und Zukunft der Weiterbildung besser verstehen und gestalten zu können. Irena Sgier, Sofie Gollob, Ronald Schenkel, Erik Haberzeth

Betriebliche Weiterbildung

Im betrieblichen Bereich zeigt sich die Tendenz, Weiterbildung zunehmend arbeitsplatznah und digital sowie in kurzen Einheiten zu organisieren, wobei die Vermutung naheliegt, dass spezifische, am unmittelbaren betrieblichen Bedarf orientierte Kompetenzen im Zentrum stehen. Dabei werden ökonomische Ziele und Perspektiven stärker gewichtet als pädagogische Perspektiven, individuelle, lebenslaufbezogene Lernbedarfe der Mitarbeitenden und auch öffentliche Interessen wie Arbeitsmarktstabilität oder sozialer Friede. In den meisten Branchen sind die Betriebe mit einem wachsenden Fachkräfte- und Personalmangel konfrontiert, was dazu führt, dass die Arbeitnehmenden höhere Ansprüche an die Arbeitgeber und damit auch an ihre Weiterbildungsmöglichkeiten stellen können. Dies erfordert eine Weiterbildung, die sich gerade nicht eng an den betrieblichen Bedarfen orientiert, sondern auch Raum bietet für Persönlichkeitsentwicklung. In diesen Tendenzen kommen unterschiedliche Logiken, Perspektiven und Konzepte zum Tragen, was zu Widersprüchen und Spannungsverhältnissen führen kann. Im einleitenden Beitrag zu dieser EP gibt Katrin Kraus einen Einblick in die Bedeutung der Betriebe für die erwerbsorientierte Bildung und die Heterogenität der betrieblichen Weiterbildung in der Schweiz. Sie unterscheidet eine organisationale und eine personale Perspektive und sieht beide Perspektiven als notwendig an, um das Lernen im betrieblichen Rahmen verstehen und gestalten zu können. Im Beitrag von Bernd Käpplinger stehen Konfigurationen zwischen privaten Entscheidungen und öffentlicher Mitverantwortung im Zentrum. Damit sich betriebliche Bildung wirksam entfalten kann, braucht es, so der Autor, meist externe Kooperationen. Zwei Beiträge befassen sich mit dem Weiterbildungspersonal in Betrieben. Martin Schwarz zeigt anhand empirischer Resultate und eines Mehrebenenmodells auf, wie die Aufgaben des betrieblichen Weiterbildungspersonals aussehen und wie sie sich von den Aufgaben in originär pädagogischen Institutionen unterscheiden. Nadia Lamamra und Matilde Wenger untersuchen die Weiterbildung von Berufsbildnern und Berufsbildnerinnen in Lehrbetrieben und analysieren u.a. die Herausforderung, Anerkennung sowohl im Erstberuf wie im Zweitberuf als Ausbildende zu erlangen. Nathalie Delobbe und Erwan Bellard untersuchen den Transfer des Gelernten in den Arbeitskontext und stellen ein Paradox fest: Während diverse Studien positive Effekte von Weiterbildungen auf die Leistung der Organisation feststellen, fällt die Korrelation zwischen dem Gelernten und der Verbesserung der individuellen Arbeitsleistung meist bescheiden aus. Die Autoren schlagen eine neue Herangehensweise zur Messung und Optimierung von Weiterbildungseffekten vor. Bei Fanny Hösel, Julia Hufnagl und Erik Haberzeth steht das Erfahrungswissen im Mittelpunkt. Ihr Beitrag zeigt, wie eine partizipative Bedarfserschliessung im Kontext betrieblicher Weiterbildungsplanung möglich wird, die das – für gelingende Arbeitsprozesse unersetzliche – Erfahrungswissen der Beschäftigten aufnimmt. Im Praxisteil dieser Ausgabe greifen fünf Beiträge Fragestellungen aus der betrieblichen Praxis auf. Nathalie Amstutz und Lea Küng analysieren anhand einer empirischen Studie, warum Personen, die in Arbeitsstellen ohne formale Qualifikationsanforderungen tätig sind, seltener an Weiterbildung teilnehmen als höher qualifizierte Personen. Christine Bärlocher und Sofie Gollob geben Einblick in die Förderung von geringqualifizierten Mitarbeitenden am Arbeitsplatz. Ulla Klingovsky und Stephanie Gyger zeigen, wie es gelingen kann, im betrieblichen Kontext eine selbstorganisierte Lernkultur zu entwickeln. Christoph Meier und Julia Marcia Mann gehen der Frage nach, wie CustomGPTs das selbstorganisierte Lernen im Betrieb unterstützen können. Im Beitrag von Sofie Gollob stehen Berufs- und Branchenverbände im Zentrum. Anhand von Gesprächen und schriftlichen Rückmeldungen aus fünf Verbänden trägt die Autorin unterschiedliche Einschätzungen zur Rolle der Verbände in der betrieblichen Weiterbildung zusammen. Sofie Gollob, Irena Sgier, Erik Haberzeth und Alexandre Lecoultre

Diversität

Der Umgang mit Diversität gehört derzeit zu den meistdiskutierten gesellschaftlichen Themen. Verhandelt wird dabei der Anspruch, Vielfältigkeit zuzulassen, sichtbar zu machen oder aktiv zu fördern. Ziel dieses normativen Anspruchs ist meist eine inklusivere, gerechtere Gesellschaft. Diese Ausgabe der EP widmet sich der Frage, was Diversität in der Erwachsenen- und Weiterbildung bedeutet und wie sie in der Praxis gelebt wird, wobei das Augenmerk auf inklusiven Perspektiven liegt. Die Frage, wie mit Vielfalt umgegangen werden soll und kann, stellt sich in der Erwachsenenbildung seit ihren Anfängen. Eine lange Tradition hat die Beschäftigung mit Vielfalt insbesondere in Bezug auf die Heterogenität der Zielgruppen sowie die methodisch-didaktischen Konzepte. Weniger beachtet und kaum erforscht wurde bisher die Frage, wie auf organisationaler Ebene, in der Programmentwicklung oder in der Professionali­sierung und Personalentwicklung mit Diversität umgegangen wird. Diese Ausgabe der EP legt den Schwerpunkt auf die organisationale Ebene. Sie geht der Frage nach, welche Ansprüche ein inklusiver Umgang mit Diver­sität an die Weiterbildung stellt, welche Rahmenbedingungen dies erfordert und wie Diversität in der Weiterbildungspraxis gelebt und wahrgenommen wird. Wie Silke Schreiber-Barsch aufzeigt, umfasst der Begriff «Diversität» ein «komplexes semantisches Geflecht aus Schlagwörtern wie Heterogenität, Differenz, Integration oder auch Inklusion»; Begriffe, die in Wissenschaft, Praxis und Politik mit sehr unterschiedlichen Konzepten und Diskursen verknüpft sind. Die Autorin skizziert die historischen Hintergründe und benennt Orientierungslinien sowie Spannungsfelder im Umgang mit Diversität. Ulla Klingovsky und Georges Pfruender geben Einblick in das Analyse- und Interventionsverfahren der «Critical Diversity Literacy». Ziel dieses Ansatzes ist es, Normalitätsordnungen zu stören und Ausschluss- oder Diskriminierungsmechanismen aufzuspüren, um Veränderungen in den Organisationen anzustossen. Stefanie Ernst untersucht Spannungsfelder und Paradoxien diversitätsorientierter Organisationsentwicklung und zeigt anhand empirischer Befunde, mit welchen Fragen und Konflikten Weiterbildungsorganisationen dabei konfrontiert sind. Bei Nicole Kimmelmann steht das Bildungspersonal im Zentrum. Sie skizziert die Ergebnisse einer Studie zu Kompetenzanforderungen von Lehrenden für einen inklusiven Umgang mit diversen Zielgruppen; darauf gestützt formuliert sie Implikationen für die Personal- und Organisationsentwicklung in Weiterbildungseinrichtungen. Weitere Beiträge geben Einblick in den Umgang mit Diversität in der Weiterbildungspraxis. Sonja Dudek und Carolin Hagelskamp zeigen am Beispiel der Berliner «Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung», wie Diversity-Schulungen für Fachleute aussehen können. Robert Reissner gibt Einblick in den Entwicklungsprozess der Volkshochschule Leipzig zu einer diversitätssensiblen Einrichtung. Daniela Frau berichtet von der Umsetzung von Diversity-Management-Praktiken an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Zwei Beiträge legen den Akzent auf das Differenzmerkmal «Behinderung». Olivier Steiner und Fabienne Kaiser geben Einblick in die Resultate des Forschungsprojektes «Digitale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in der beruflichen Bildung». Daphna Paz und Noémie Maibach berichten aus dem Pilotprojekt «Weiterbildung inklusiv»; diese Initiative will Weiterbildungsakteure dabei unterstützen, ihre Angebote auch für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich zu gestalten. Kajo Wintzen schliesslich gibt Einblick in die Arbeit mit einem poesiepädagogischen Ansatz im Bereich Grundkompetenzen. Ziel dieser poetischen Interventionen ist es, die kulturelle und persönliche Identität von Menschen, die mit gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert sind, zu stärken. Irena Sgier, Sofie Gollob, Erik Haberzeth und Alexandre Lecoultre

Kooperationen in der Weiterbildung

Kooperationen gehören in der Weiterbildung zum Alltag. Als Kooperation bezeichnet man die organisierte Zusammenarbeit zwischen selbständigen und unabhängigen Partnern, die – idealerweise – ein gemeinsames Ziel verfolgen und von Synergien profitieren. Für viele Weiterbildungsanbieter ist es selbstverständlich, mit anderen Bildungsorganisationen oder mit Akteuren wie Unternehmen, Behörden und Universitäten zusammenzuarbeiten, um innovative Angebote zu entwickeln, neue Zielgruppen zu erreichen oder die Digitalisierung zu bewältigen. Diese EP diskutiert Strategien, Herausforderungen und Gelingensbedingungen von Kooperationen auf der Ebene der Weiterbildungsorganisationen sowie des Weiterbildungssystems. Die Ausgabe reflektiert zudem kritisch, inwiefern der erwartete dem tatsächlichen Nutzen entspricht. Denn die beteiligten Anbieter befinden sich oft auch in einem Spannungsfeld zwischen Kooperation und Konkurrenz. In einem einleitenden Beitrag gibt Matthias Alke einen Überblick über verschiedene Formen von Kooperationen und beschreibt aktuelle Herausforderungen. Er verweist darauf, dass Kooperationen auch von teils paradoxalen Handlungslogiken geprägt sind, die einer erfolgreichen Zusammenarbeit hinderlich sein können. Regula Julia Leemann erläutert aus einer soziologischen Perspektive, wie Konventionen im Sinne von historisch gewachsenen moralischen Wertordnungen, Handlungslogiken und Gerechtigkeitsprinzipien die Qualität von Kooperationen beeinflussen. Annika Maschwitz befasst sich in ihrem Beitrag mit dem Kooperationsmanagement. Sie geht der Frage nach, welche Herausforderungen mit Kooperationen in der Weiterbildung verbunden sind und wie Kooperationen erfolgreich gestaltet werden können. Johannes Bonnes verweist auf die Rolle digitaler Plattformen im Kontext von Kooperation und Konkurrenz und die Limitierungen, die in Weiterbildungsorganisationen aufgrund der Konstruktionsweise von digitalen Plattformen bestehen. In der Rubrik «Praxis» beschreiben die Autorinnen und Autoren konkrete Umsetzungsbeispiele. Jessica Dehler Zufferey, Frédérique Chessel-Lazzarotto, Sunny Avry und Emilie-Charlotte Monnier zeigen anhand des Projekts «Digitale Bildung» im Kanton Waadt auf, wie Vertreterinnen und Vertreter von Forschung und Praxis zusammenarbeiten können, um Innovationen in der Bildung voranzubringen. Ronald Schenkel wirft einen Blick in die KV-Bildungswelt und geht der Frage nach, warum Kooperationen im Weiterbildungsbereich in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Luca Mollenhauer beschreibt die Gelingensbedingungen für den erfolgreichen Einsatz von Open Educational Resources (OER) in der Weiterbildung, wobei er zwischen Bedingungen auf der individuellen und auf der organisationalen Ebene unterscheidet. Markus Maurer erläutert in seinem Beitrag die Rolle der Kantone bei der Förderung des Zugangs Erwachsener zu Abschlüssen der beruflichen Grundbildung. Dabei wird deutlich, dass entsprechende Ansätze eine enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Organisationen der Arbeitswelt und den zuständigen Schulen erfordern. Annique Bello reflektiert das Potenzial von Kooperationen in der Arbeitsintegration am Beispiel von Pôle Industrie. Das in der Westschweiz ansässige Bildungszentrum arbeitet eng mit Unternehmen aus der Region Neuenburg zusammen, um geeignete Weiterbildungen zu konzipieren. Im abschliessenden Beitrag bescheinigt Bernhard Grämiger der Schweiz eine Weiterbildungspolitik ohne klare Prioritäten und argumentiert dafür, ein Koordinationsgremium zu schaffen, in dem alle relevanten Akteure der Weiterbildung einbezogen werden. Ziel dieser EP ist es, das Potenzial von Kooperationen in der Weiterbildung aufzuzeigen. Dabei müssen teils grosse Hürden überwunden werden, damit die Zusammenarbeit tatsächlich gelingt. Ein Blick in die Praxis zeigt, wie sehr eine erfolgreiche Kooperation des fortlaufenden Engagements aller beteiligter Partner bedarf. Die Redaktion wünscht Ihnen eine inspirierende Lektüre. Irena Sgier, Sofie Gollob, Erik Haberzeth und Alexandre Lecoultre

Individualisierung in der Weiterbildung

In der Soziologie wird seit den 1960er Jahren von zunehmenden Individualisierungstendenzen gesprochen. Den unterschiedlichen Konzepten, die der oft kontroversen Diskussion um diese Entwicklung zugrunde liegen, ist gemein, dass sie dem Individuum in der Gesellschaft wachsende Bedeutung zuschreiben. Dabei wird der einzelne Mensch mit seinen Bedürfnissen, Entscheidungen und Lebensentwürfen als zunehmend eigenverantwortliches, autonomes Individuum begriffen. Aus diesen Analysen lassen sich sehr unterschiedliche Schlüsse ziehen. Während die einen Individualisierung als wachsende Autonomie und Befreiung aus einengenden Strukturen oder Konventionen verstehen, nehmen andere dieselbe Entwicklung als Vereinzelung wahr und befürchten wachsenden Egoismus, Orientierungslosigkeit oder den Zwang zur Selbstoptimierung. Bei aller Unterschiedlichkeit haben die diversen Zeitdiagnosen eines gemeinsam: Sie sehen die Individualisierung als langfristigen, tiefgreifenden, widersprüchlichen gesellschaftlichen Prozess. Parallel zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung beschäftigt sich auch die Erwachsenenbildung seit langem mit Individualisierungsprozessen, wie Birte Egloff im einleitenden Beitrag zu dieser EP zeigt: Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lässt sich eine Tendenz beobachten, Erwachsene in der Bildungsarbeit zunehmend als eigenständige Subjekte wahrzunehmen, die selbst über ihre Biografie und damit auch über ihre Lernbedürfnisse entscheiden. Auf didaktischer Ebene zeigt sich diese Tendenz unter anderem im Anspruch der Teilnehmerorientierung. Weitere Anschlüsse an die gesellschaftliche Individualisierung ortet Egloff in didaktischen Konzepten wie jenem der Selbststeuerung sowie in der zunehmenden Bedeutung der Biografie- und Lebensweltorientierung in der Erwachsenenbildung. Ausgehend von dieser einleitenden Differenzierung und Kontextualisierung des Individualisierungsbegriffs gibt diese EP Einblick in Möglichkeiten, Risiken und Grenzen der Individualisierung. Gilles Pinte analysiert einige Reformen der beruflichen Weiterbildung in den letzten 30 Jahren in Frankreich und zieht mit Blick auf den Individualisierungsprozess, der den Reformen zugrunde liegt, eine durchzogene Bilanz. Kritische Fragen stellen auch Kenneth Horvath, Andrea Isabel Frei und Mario Steinberg in ihrer Auseinandersetzung mit der verbreiteten Erwartung, dass die radikale Personalisierung von Bildungsprozessen mittels künstlicher Intelligenz zu mehr Gerechtigkeit führen würde. In weiteren Dossier-Beiträgen gehen die Autorinnen und Autoren den Potenzialen der Individualisierung nach. So analysiert Tim Stanik die traditionellen Antworten der Weiterbildung auf die Herausforderungen der Individualisierung. Kerstin Kupka und Mareike Kholin zeigen, wie Individualisierung mit Hilfe technologischer Plattformen in der Förderung der Grundkompetenzen aussehen kann. Im Praxisteil geben die Autorinnen und Autoren Einblick in konkrete Erfahrungen mit der Individualisierung auf unterschiedlichen Gebieten. Thematisiert werden die Umsetzung individualisierter Lernangebote auf dem Hintergrund der Covid-Pandemie (Ronald Schenkel), technologische Lösungen zur Personalisierung des Lernens (Christoph Meier), Erfahrungen mit der individuellen Förderung des Lerntransfers im Betrieb (Marcel Lemp und Susan Göldi) sowie die Personalisierung der Hochschullehre (Klaus Joller-Graf). In der Carte Blanche zeigt Geri Thomann, wie Metaphern in Bildungsorganisationen genutzt werden können, um verdeckte Muster beschreibbar zu machen und schwierige Themen zur Sprache zu bringen. Mit dieser EP möchten wir einen Beitrag leisten zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Grenzen von Individualisierungsprozessen in der Weiterbildung. Irena Sgier, Sofie Gollob, Erik Haberzeth und Alexandre Lecoultre

Editorial: Veränderte Bedürfnisse?

Weiterbildungsinstitutionen beobachten hingegen nicht erst seit der Pandemie Veränderungen bei der Nachfrage und versuchen, mit angepassten oder neuen Angeboten darauf zu reagieren. Dabei wird oftmals die Überzeugung geäussert, die veränderte Nachfrage sei Ausdruck veränderter Lernbedürfnisse und der Lernpraxis ihrer Adressatinnen und Adressaten. Weiter wird vermutet, dass sich der Weiterbildungsbedarf von Betrieben oder ganzen Branchen wandle. Dabei werden die Begriffe Lernbedürfnis, Lern- oder Weiterbildungsbedarf und Weiterbildungsnachfrage häufig als gleichbedeutend betrachtet und wenig differenziert verwendet. Wenn bei der Angebotsplanung auf veränderte Lernbedürfnisse verwiesen wird, ist es indes hilfreich, über genauere Vorstellungen darüber zu verfügen, wie Lernbedürfnisse und Weiterbildungsbedarf sowie Weiterbildungs­interessen entstehen und wo tatsächlich Veränderungen im Gange sind. Die vorliegende Ausgabe der EP hat sich zum Ziel gesetzt, die Begriffe «Lernbedürfnis, Lern- und Weiterbildungsbedarf» sowie «Nachfrage nach Weiterbildung» aus wissenschaftlicher und praxisorientierter Perspektive zu thematisieren und die dahinterstehenden Konzepte zu hinterfragen. Im einleitenden Beitrag arbeitet Christine Zeuner die Differenzierung zwischen gesellschaftlichem Bedarf und subjektiven Bildungsbedürfnissen heraus. Wiltrud Gieseke geht den Wechselwirkungen von Bedürfnissen und Bedarfen nach und fokussiert dabei auf die Angebotsplanung. Die Chancen und Grenzen der Bedarfsorientierung in der Angebotsplanung unterzieht Walter Schöni einer kritischen Analyse. Bei Christian Müller steht der Weiterbildungsbedarf von Klein- und Kleinstunternehmen im Zentrum. Chris Parson untersucht Diskurse und Strategien im Umgang mit Lernbedarfen und -bedürfnissen im Bereich Grundkompetenzen. Im Beitrag von Falk Scheidig wird mit Learning Analytics ein Thema behandelt, das in der Weiterbildungspraxis noch kaum angekommen ist. Wie solche Datenanalysen im betrieblichen Kontext genutzt werden können, zeigt ein Beitrag von Emmerich Stoffel anhand der Erfahrungen bei Swisscom. Ronald Schenkel zeigt in seiner Recherche, wie Weiterbildungsanbieter mit kollaborativen Settings auf veränderte Arbeits- und Lernbedürfnisse der Arbeitswelt reagieren. Abgerundet wird diese EP durch die Carte blanche von Theres Roth-Hunkeler, die über die Sprache, das Sprechen und das Alleinsein nachdenkt. Die Redaktion wünscht Ihnen eine anregende Lektüre und hofft, dass Sie in diesem Heft die eine oder andere Einsicht und Anregungen für Ihre eigene Praxis finden. Irena Sgier, Erik Haberzeth, Ronald Schenkel

Editorial: Aufbruch in eine neue Ära

Die schweizerische Weiterbildung ist ein äusserst heterogenes Feld. Rund die Hälfte der Weiterbildungsanbieter sind kleine Organisationen mit wenigen Mitarbeitenden. Ein Grossteil der Kursleitenden arbeitet im Auftragsverhältnis, hat mehrere Arbeitgeber und bewegt sich in den unterschiedlichsten Kontexten. Schulleiterinnen und Programmplaner übernehmen die Aufgabe, unter komplexen, oft wechselnden Bedingungen für Kontinuität zu sorgen. Vielfältig sind auch die Wege, die in dieses Berufsfeld führen. Die Standardbiographie des Erwachsenenbildners gibt es nicht. In einem solch heterogenen, marktorientierten Umfeld gibt es nicht viele Gelegenheiten, sich vertieft mit aktuellen Entwicklungen und Perspektiven auseinanderzusetzen. Es gehört zu den zentralen Aufgaben und zur Mission des SVEB, Austausch und Vernetzung im Weiterbildungsbereich zu fördern und Fachwissen bereitzustellen, das die Akteure in ihrer täglichen Arbeit unterstützt. Mit der auf einer digitalen Plattform frei zugänglichen EP wollen wir dazu einen weiteren Beitrag leisten. Ihr Zweck besteht darin, zum einen Fachwissen bereitzustellen und zum anderen Einblick zu geben in aktuelle Tendenzen und Entwicklungen der Weiterbildung. Die Beiträge wollen Denkanstösse und Anregung bieten, die eigene Praxis zu reflektieren und dabei auch neue Zugänge zu vertrauten Themen zu finden. In der ersten Ausgabe steht mit der Teilnahme ein Kernthema der Weiterbildung im Zentrum. Ohne Teilnehmende gibt es keine Weiterbildung. Trotzdem ist Weiterbildungsbeteiligung keine Selbstverständlichkeit. Sie ist im Gegenteil ein höchst komplexes Phänomen. Ob Beteiligung gelingt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Nicht alle Faktoren können Weiterbildungsanbieter gleichermassen beeinflussen, aber je besser man versteht, was Beteiligung ermöglicht oder eben hemmt, desto eher kann man sie fördern. In den letzten Jahren zeichnen sich bei der Weiterbildungsbeteiligung manche Verschiebungen ab. Es gibt Anzeichen, dass die digitale Transformation die Zugänge zu Weiterbildung verändert, dass die digitale Spaltung zunimmt und dass die Pandemie zu einem Rückgang der Weiterbildungsbeteiligung führt – zu einem Zeitpunkt, da sich in vielen Branchen die Qualifikationsanforderungen ändern und der Weiterbildungsbedarf steigt. Um diese Widersprüche verstehen und die Zielgruppen weiterhin erreichen zu können, braucht es ein vertieftes Verständnis darüber, wovon Weiterbildungsbeteiligung abhängt und wie sie unterstützt werden kann. Die Redaktion wünscht Ihnen eine bereichernde Lektüre und nimmt Rückmeldungen und Anregungen zur neuen EP gerne entgegen. Irena Sgier, Erik Haberzeth, Ronald Schenkel

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