07.05.2021
N°1 2021
  • 1/2021
  • Praxis

Jetzt sind Kreativität und Initiative gefragt

Dank der Aufstockung der Bundesmittel in der BFI-Botschaft wäre die Schweiz in der Lage, den Folgen der Corona-Pandemie durch Weiterbildung entgegenzuwirken. Dazu sind aber auch entsprechende Programme auch auf kantonaler Ebene nötig.

Als 2018 die Vorarbeiten zur Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation (BFI-Botschaft) für die Periode 2021–2024 begannen, ahnte niemand, welche dramatischen Ereignisse auf die Welt zukommen würden. Und noch in den Anfängen der Pandemie waren wir zuversichtlich, dass das Schlimmste in ein paar Monaten überstanden sein würde. Nach über einem Jahr im Ausnahmezustand wissen wir zum einen, dass die Pandemie nicht wie eine Wintergrippe einfach vorbeigeht, und wir wissen zum andern, dass die Langzeitfolgen für das Land wie auch für jede einzelne Bürgerin und jeden einzelnen Bürger beträchtlich sein werden.

Allerdings hat Corona in mancher Hinsicht auch Tendenzen beschleunigt, die sich bereits abgezeichnet haben – so etwa die Digitalisierung. Und die Pandemie hat zur Gewissheit gemacht, was viele ebenfalls bereits geahnt hatten: Mit disruptiven Veränderungen muss jederzeit gerechnet werden. Das Unvorhersehbare prägt mehr und mehr unser Lebens- und Wirtschaftsmodell. Das bedeutet, sowohl die Gesellschaft wie auch jeder und jede einzelne müssen ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen. Oder positiv formuliert: Die Veränderungsfähigkeit und die Offenheit gegenüber Neuem müssen gelebt werden. Wir Menschen sind glücklicherweise schnell lernende Wesen. Nur müssen wir auch die Voraussetzungen erhalten, damit wir lernen können. Wie die Weiterbildung aufgestellt ist und wie zugänglich sie ist, wird zu einem entscheidenden Faktor für den Erfolg auf allen Stufen unserer Gesellschaft.

Die Voraussetzungen für einen offenen Zugang zur Weiterbildung auch für Personen, die Weiterbildung zwar nötig hätten, in der Vergangenheit aber weitgehend davon Abstand hielten, waren kaum je besser. Und das hat auch mit der Besserstellung der Weiterbildung in der BFI-Botschaft zu tun. In der Vergangenheit hat die Weiterbildung zumindest in der nationalen Politik eine eher untergeordnete Rolle gespielt. In den letzten Jahren hat sich dies geändert. Das ist nicht einfach so passiert. Auch in Bern hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Das Motto der aktuellen BFI-Botschaft lautet nicht zufällig: «Die Schweiz bleibt führend in Bildung, Forschung und Innovation und nutzt die Chancen der Digitalisierung.» Just die Digitalisierung und der sie begleitende Umbau unserer Wirtschaft sorgten und sorgen für einen massiven Weiterbildungsbedarf.

Mehr Geld für die Kantone

Aber es waren auch die Organisationen der Weiterbildung, und als deren Dachorganisation der SVEB, die sich für ein stärkeres Bewusstsein um die Bedeutung der Weiterbildung in den Köpfen der Bildungspolitikerinnen und -politiker einsetzten. Ihre Arbeit hat – und man darf sagen, nicht zu früh – Früchte getragen. Für die kommenden vier Jahre stehen der Weiterbildung insgesamt 73 Millionen Franken mehr an Fördermitteln zur Verfügung als in den vorangegangenen vier Jahren. Namentlich können die Kantone zur Umsetzung ihres Auftrags zur Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener rund dreimal mehr Geld als bisher vom Bund einfordern – statt wie bisher 15 stehen neu 43 Millionen Franken zur Verfügung.

Doch genau darin liegt nun die grosse Herausforderung. Das Geld nützt nichts, wenn es nicht abgeholt wird. Die Kantone stehen dringend in der Pflicht, Fördermassnahmen und Projekte zu entwickeln. Nicht um Geld zu verpuffen, sondern um ein gravierendes gesellschaftliches Problem anzugehen. Die rund 800 000 Personen in der Schweiz, die Mühe mit Lesen und Schreiben haben und in einer digitalisierten Welt mit immer mehr Handicaps zu kämpfen haben, sind auf Unterstützung in Form von gut zugänglichen Weiterbildungsangeboten angewiesen.

Bekanntlich bekommen Schwächere die Auswirkungen einer Krise als Erste und stärker zu spüren als Stärkere. Deshalb ist die Förderung der Grundkompetenzen gerade in dieser Zeit eine wichtige Aufgabe. Sie ist aber nicht die einzige. Die Schweiz sei Weiterbildungseuropameisterin, sagte Bildungsminister Guy Parmelin anlässlich der bildungspolitischen Tagung des SVEB 2019. Wenn man die Gesamtzahlen der Beteiligung anschaut, mag das stimmen. Blickt man tiefer in die Zahlen, ergibt sich ein anderes Bild. Bereits vor der Pandemie bildeten sich 40 Prozent der Erwerbstätigen mit Berufsabschluss im Jahresverlauf beruflich nicht weiter. Dies sind insgesamt über 1,1 Millionen Personen. Für diese Gruppe gilt wie für alle anderen auch: Ohne Weiterbildung läuft sie Gefahr, mit den rasanten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht Schritt halten zu können. Das Risiko der Arbeitslosigkeit steigt. Die Kosten hätte schliesslich die Sozialhilfe zu tragen.

Mittel für berufsorientierte Weiterbildung

In der zu erwartenden Rezession werden die Unternehmen ihre Budgets für die Weiterbildung wahrscheinlich reduzieren. Auch Privatpersonen werden bei der Weiterbildung sparen. Der Rückgang der Weiterbildungsmassnahmen wird dazu führen, dass die Gruppe der Personen, die gänzlich auf Weiterbildung verzichtet oder verzichten muss, deutlich wächst. Der Bund sollte es nicht versäumen, Gegensteuer zu geben. Mit den zur Verfügung stehenden 60 Millionen Franken, die im Rahmen der BFI-Botschaft explizit der berufsorientierten Weiterbildung zugesprochen wurden, hat er die entsprechenden Mittel zur Hand.

An Ideen für Förderinitiativen fehlt es überdies nicht. Ein Beispiel für eine gezielte Förderung auf Ebene der KMU und im Bereich Digitalisierung ist die Initiative, welche der SVEB derzeit mit der Berghilfe umsetzt. Solche Fördermodelle braucht es in der Corona-Krise für alle KMU. Einen anderen Ansatz bietet das bereits laufende Programm des Bundes «Einfach besser…». Dieses ist auf die Förderung von Grundkompetenzen ausgerichtet. Diese für mindestens zwei Jahre für weitere Bereiche zu öffnen, die über Grundkompetenzen hinausgehen und etwa die Förderung von digitalen Kompetenzen ins Auge fasst, wäre ebenfalls ein erfolgversprechender Ansatz.

Branche braucht Unterstützung

Auf jeden Fall ist der Bund, genauer das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation gefordert. Gefragt sind Kreativität und auch etwas Mut, in einer aussergewöhnlichen Situation aussergewöhnliche Massnahmen zu treffen. Doch alle Massnahmen laufen ins Leere, wenn nicht auch jene bereitstehen, die Weiterbildung vermitteln. Die Weiterbildungsbranche, die von einem Tag auf den andern mit einem Verbot von Präsenzunterricht belegt wurde, hat zwar erstaunlich rasch und mit viel Eigeninitiative versucht, digitale Alternativen zu schaffen. Doch einerseits kann nicht jede Form von Weiterbildung über ein digitales Konferenztool vermittelt werden. Andererseits bedeutet der Einsatz von digitalen Instrumenten auch für die Branche, sich mit Neuem auseinanderzusetzen, sich Wissen und Praxis anzueignen. Bei bereits klammen Budgets ist das jetzt, während der Corona-Krise, alles andere als einfach.

Die Weiterbildung wird, davon bin ich überzeugt, ihren Wert in der Krise unter Beweis stellen. Und dies wird ihr hoffentlich auch entsprechend angerechnet werden, wenn es für die BFI-Periode 2025–2028 erneut um die Verteilung von Bundesmitteln für die Bildung geht. Wir werden dafür kämpfen. 

Matthias Aebischer ist Präsident des SVEB und SP-Nationalrat.